Das LV-Quartett der Verbraucherzentrale Bremen

11. Nov 2018Frank Brönjes

Das LV-Quartett der Verbraucherzentrale Bremen

Vor kurzem bin ich über das Lebensversicherungs-Quartett der Verbraucherzentrale Bremen gestolpert. Viele Kinder der 70er und 80er Jahre werden sich noch an diverse Quartett Kartenspiele erinnern. Autos, Flugzeuge, Schiffe, und vieles mehr wurde verglichen und bei Übereinstimmung „Stich“ gerufen und wenn man unterlegen war, musste man seine Karte abgeben. Erinnern Sie sich auch?

Die Verbraucherzentrale Bremen hat dieses Spielprinzip nun für den Vergleich von Lebensversicherungen verwendet, um den Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, eine Lebensversicherung zu vergleichen.

Auf der Webseite der Verbraucherzentrale Bremen wählt man eine Versicherung aus. Diese wird auf einer Spielkarte stichpunktartig vorgestellt und in den Kategorien:

  • Anteil LV-Geschäft in Deutschland
  • Anteil LV-Geschäft mit Garantien
  • Anteil der vorhandenen Reserven
  • Durchschnitt der Garantien (bestätigt oder geschätzt)
  • Größe des LV Geschäftes
  • Solvenz-Quote
  • Stäbilitäts-Rating
  • mit 1-5 Sternen bewertet.

Ob das (alle) geeigneten Punkte sind, mit der die Qualität einer Lebensversicherung zu ermitteln sind, lassen wir einfach mal dahingestellt. Auch die Aus- und Bewertung der Punkte erscheint recht sonderbar. Aber dazu später mehr…..

Man klickt also einen der Punkte an und dieser wird mit einer anderen (nach dem Zufallsprinzip ausgewählten) Lebensversicherung verglichen. Die Gesellschaft mit dem „besseren“ Wert erhält einen Punkt. Dies wiederholt der Spieler, mit dem gleichen oder einem der anderen Punkte fünfmal und erhält einen abschließenden Punktestand.

Stellen Sie sich vor, man würde Autos vergleichen: Man nehme einen Opel Astra Kombi und vergleicht die Höchstgeschwindigkeit mit einem Porsche, die Ladekapazität mit eine Transporter, die Ausstattung mit einem Maybach, den Verbrauch mit einem Smart und den Neupreis mit einem Fiat Panda. Der Opel würde hier 0:5 verlieren.

Zu beachten ist, dass die erzielten Punkte keinerlei Aussage über die tatsächliche Qualität des Versicherers geben. Schließlich werden die Kategorien willkürlich mit anderen Gesellschaften verglichen. Es kann auch sein, dass der Verbraucher die zwei schlechtesten Gesellschaften auf dem deutschen Versicherungsmarkt miteinander vergleicht, die Zweitschlechteste den Punkt erhält und dem Spieler suggeriert wird, dass es sich um eine gute Versicherung handelt.

Am Ende der fünf Runden erscheint nun auch eine Empfehlung, zum anfangs ausgesuchten Versicherer.

Nun geht man erstmal davon aus, dass diese Empfehlung aufgrund des Spielergebnisses zustande gekommen ist. Dem ist allerdings nicht so!

Nach mehrfachem Spielen des Quartetts stellte ich fest, dass die abschließende Empfehlung, unabhängig davon, ob ich 5:0 gewonnen oder 0:5 verloren oder irgendein anderes Ergebnis hatte, je nach Gesellschaft gleich lautete.

Man hätte sich das ganze Spiel also sparen können und nach dem Auswählen des Versicherers direkt zur Empfehlung der Verbraucherzentrale Bremen springen können.

Die Empfehlungen lauten:

“Der ausgewählte Versicherer zeigt häufiger gute und durchschnittliche Kennzahlen – lassen Sie sich nicht durch Negativschlagzeilen verunsichern, Ihrem Versicherer geht es vergleichsweise gut!“
oder

„Ihr Versicherer betreibt zu einem hohen Anteil besonderes LV-Geschäft – bspw. fondsgebundene- oder Risikotarife – weshalb wir in diesem Fall keine Empfehlung aussprechen!“
Bei 85 zur Auswahl stehenden Gesellschaften heißt es 28 x Daumen hoch und 15 x Finger weg.

Aber es gibt noch eine dritte Empfehlung, welche mit 42 x deutlich am häufigsten erscheint:

„Insgesamt hat der Versicherer in den überwiegenden Fällen der gezeigten Kennzahlen eine angespannte Lage gezeigt – wir empfehlen daher ein Gutachten!“
Und hier erscheint nun ein Feld „Gutachten bestellen“, welches den Spieler zu einer Seite weiterleitet, auf der man für 110 € pro Versicherungsvertrag ein Gutachten bestellen kann.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es bei zwei Gesellschaften zu keiner Empfehlung gekommen ist, da die Verbraucherzentrale Bremen hier kein konkretes Ergebnis errechnen konnte. Auch hier wird ein Gutachten empfohlen, weshalb diese zwei Ergebnisse zu den 42 hinzugezählt wurden.

Aber ich will noch weiter ins Detail gehen:

Das erste Bewertungskriterium auf der Karte lautet: „Anteil V-Geschäft in Deutschland“. Damit ist nicht etwa der Anteil des LV-Geschäftes dieser Gesellschaft in Deutschland gemeint, sondern das Verhältnis zwischen Lebensversicherung und anderen Versicherungssparten, wie z.B. Haftpflicht-, Hausrat-, Unfallversicherung, u.a., dieses Versicherungskonzerns.

Zu aller erst sei erwähnt, dass eine Lebensversicherung gar keine anderen Produkte vermittelt. Eine Lebensversicherung vermittelt nur Lebensversicherungen. Somit müssten alle aufgeführten Versicherungsgesellschaften in diesem Punkt den gleichen Wert aufweisen, nämlich 100 %. Was die Verbraucherzentrale hier meint ist, dass eine Lebensversicherung Teil eines Versicherungskonzerns sein kann und der Konzern Versicherungen anderer Sparten vertreibt. Auf den Spielkarten findet man in der kurzen Vorstellung der Gesellschaft den Punkt „Zugehörigkeit zu Gruppe“ und die Erläuterung:

“Viele Lebensversicherungen gehören zu einer Gruppe. Wir zeigen den Namen zur Information, er ist für die Wertung nicht relevant.“

Doch in der Bewertung des Punktes „Anteil V-Geschäft in Deutschland“ wird sehr wohl der Sachversicherungsbestand der Gruppe/des Konzerns ins Verhältnis zum LV-Geschäft gesetzt und nimmt damit Einfluss auf die Wertung.

Hier werden also reine Lebensversicherungen mit Versicherungskonzernen verglichen, oder anders gesagt….. Äpfel mit Birnen!

Die Verbraucherzentrale erklärt, dass ein hoher Anteil LV-Geschäft nachteilig sei, da ja hohe Garantien geleistet werden müssen und dies für die Versicherung schlecht wäre und zu einer finanziellen Schieflage der Gesellschaft führen könnte. Das bedeutet also, dass Versicherungen, welche sich ausschließlich auf das LV-Geschäft spezialisiert haben, deswegen womöglich absolute Experten in diesem Bereich sind und keine anderen Produkte vertreiben, zwangsläufig von der Verbraucherzentrale Bremen negativ bewertet werden. Ein anderer Versicherer, welcher die Lebensversicherung lediglich stiefmütterlich als Nischenprodukt nebenbei betreibt, sahnt hier regelmäßig einen Punkt ab, da sein prozentualer LV-Anteil gering ist.

Das spielt aber eigentlich überhaupt keine Rolle. Wie wir ja bereits festgestellt haben sind Lebensversicherungen oft Teil eines Konzerns. Sollte die Lebensversicherung tatsächlich die angestrebten Renditen nicht erfüllen oder gar Verluste einfahren, haben die anderen Sparten (Haftpflicht-, Unfall-, Hausratversicherung) gar keinen Einfluss darauf, weil ein Konzern die Verluste der einen Sparten nicht mit den Gewinnen der anderen ausgleichen wird.

Wenn der LV-Bereich eines Versicherungskonzerns dauerhaft rote Zahlen schreibt, wird der Konzern schlicht und einfach das Lebensversicherungsgeschäft aufgeben, wie in der Vergangenheit bereits geschehen.

Auch der zweite Bewertungspunkt wirft für mich Fragen auf, weil dieser der Empfehlung der Verbraucherzentrale Bremen selbst widerspricht:

Der Punkt „Anteil des LV-Geschäft mit Garantien“ stellt dar, auf wieviel LV-Geschäft die Versicherung einen Garantiezins zahlen muss. In Zeiten der Niedrigzinsen kann es tatsächlich sein, dass eine Gesellschaft auf alte Verträge bis zu 4 % Zinsen geben muss, obwohl weniger erwirtschaftet wird. Im Normalfall ist das kein Problem, da die Versicherungen ihr Portfolio breit genug gestreut haben, um genügend Überschüsse zu erwirtschaften. Nachvollziehbar ist, dass eine Gesellschaft mit vielen Verträgen die mit 3% oder sogar 4% verzinst werden müssen, etwas weniger Gewinn erwirtschaftet.

Also bekommt hier diejenige Gesellschaft einen Punkt, die möglichst wenig Verträge mit Garantiezins im Bestand hat und stattdessen andere Produkte, wie z.B. fondgebundene Verträge oder Risikotarife, vertreibt………. Halt Stopp!

Lautet nicht eine der Empfehlungen: „Ihr Versicherer betreibt zu einem hohen Anteil besonderes LV-Geschäft – bspw. fondsgebundene- oder Risikotarife – weshalb wir in diesem Fall keine Empfehlung aussprechen!“?

Nun bin ich doch etwas verwirrt. Hier scheint die Bewertung der Kriterien den eigenen Empfehlungen zu widersprechen, oder nicht?

Als letztes ist mir noch ein lustiges Detail aufgefallen…… Das dürfen Sie gern selber finden.

Ein kleiner Tipp: Spielen Sie das Quartett mal mit der „LifeStyle Protection Lebensversicherung AG„ und sehen sich die Kennzahlen dieser Gesellschaft an (mit dem Mauszeiger über die Sterne fahren)…..

Falls Sie nicht suchen wollen, hier die Lösung: Die LifeStyle Protection Lebensversicherung AG macht gar keine Lebensversicherungen……..

Fazit: Um dem Verbraucher das trockene Thema „Versicherung“ näher zu bringen, ist so eine spielerische Art mit Sicherheit ein guter Ansatz und ich befürworte solche Methoden. Allerdings muss dieses Spiel dann auch zu objektive Ergebnissen führen und dem Verbraucher konstruktiv unterstützen.

Bei so komplexen Themen wie Versicherungen ist das sicher nicht einfach, aber alles andere ist schlicht falsch.

Verfasser: Jan Janicki, Versicherungsfachwirt

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